Welche Funktion hat die Literaturrecherche?

Gunther Maier, Herwig Palme
Wirtschaftsuniversität Wien

Fragenliste



Das Auffinden der relevanten Literatur ist ein wichtiger Schritt bei einer wissenschaftlichen Arbeit. Grundsätzlich kann es bei der Literaturrecherche um verschiedene Dinge gehen:

 Die Literaturrecherche ist damit kein Arbeitsschritt, den man im Zusammenhang mit einer bestimmten wissenschaftlichen Arbeit einmal erledigt, sondern eine Aufgabe, zu der Sie wahrscheinlich mehrmals zurückkehren werden: wenn sie die Forschungsfrage definieren, wenn Sie am theoretischen Teil Ihrer Arbeit werken, wenn Sie empirische Auswertungen machen, usw. Die Literatur, die Sie dabei jeweils benötigen werden, wird unterschiedlich sein. Entsprechend werden auch Ihre Suchstrategie und die untersuchten Literaturquellen sich unterscheiden.
Bei der Literatursuche stellen sich zwei entgegengesetzte Probleme:

  1. wollen Sie die für Ihre Arbeit relevante Literatur abdecken und

  2. wollen Sie nicht den Rest Ihres Lebens mit der Literaturrecherche für Ihre wissenschaftliche Arbeit verbringen.

Dabei zeigt sich, wie wichtig eine klare und nicht zu weit gefasste Fragestellung für Ihre Arbeit ist. Denn Sie werden sehr rasch auf Literatur stoßen, die mit Ihrem Thema zu tun hat, aber nicht genau auf Ihre Fragestellung zutrifft. Bei diesen Grenzfällen müssen Sie immer entscheiden, ob Sie für Ihre Forschungsfrage noch wichtig sind oder nicht. Dabei stellt sich auch immer der Trade-off zwischen "Vollständigkeit" der Literaturkenntnis und dem Zeitaufwand für Ihre Arbeit. Je näher an der Forschungsfront Ihre Arbeit angesiedelt ist, umso wichtiger wird dabei die "Vollständigkeit" der Literaturkenntnis ("Vollständigkeit" steht dabei unter Anführungszeichen, weil eine wirklich vollständige Kenntnis der Literatur bei der heutigen Fülle an Literatur und der Geschwindigkeit der Produktion wissenschaftlicher Literatur nicht mehr möglich ist). Bei einer Seminararbeit wird "Vollständigkeit" weniger wichtig sein als bei einer Diplomarbeit; bei einer Diplomarbeit weniger als bei einer Dissertation.

Je nachdem in welchem Stadium Ihrer Arbeit Sie sich befinden, wird Ihre Literaturrecherche weiter oder enger ausfallen. Am Weitesten ist sie, wenn Sie versuchen, eine Fragestellung zu definieren. Da müssen Sie einen Überblick über ein bestimmtes Gebiet gewinnen, auch um feststellen zu können, ob Ihr intendiertes Thema brauchbar ist oder nicht. An dieser Stelle werden Sie gar nicht alle Werke im Detail lesen können, die Sie aufstöbern. Zum Teil werden Sie aufgrund eines Eintrags in einer Datenbank, aufgrund des Abstracts, oder aufgrund einer Einleitung sich entscheiden müssen, ob Sie dieses Werk für relevant erachten oder nicht. Auch wenn Sie das Werk für relevant halten, werden Sie zuerst einmal trachten, seinen Inhalt in groben Zügen zu erfassen. Genau lesen werden Sie es erst später, wenn Sie das Thema ihrer Arbeit definiert haben.

In den späteren Stadien Ihrer Arbeit werden Sie genau wissen, welche Literatur Sie suchen; etwa eine Beschreibung der Analyse kategorialer Daten oder eine Darstellung eines bestimmten wirtschaftspolitischen Programms. Dabei geht es weniger darum, was kann ich finden, sondern eher darum, wo kann ich das finden. Dementsprechend benötigen Sie andere Literaturquellen und Recherchemethoden.

Bevor wir die Quellen der Literaturrecherche aufzählen, noch eine Anmerkung: Bei der Literatursuche muss man zwangsläufig Umwege machen und einige Sackgassen besuchen. Natürlich schmerzt es, wenn sich eine Literaturrecherche, für die man eine Woche Zeit aufgewendet hat, in der fertigen Arbeit gar nicht wieder findet. Trotzdem haben Sie etwas dabei gelernt. Sie wissen nun, dass diese Verästelung der Literatur für Ihre Fragestellung nicht relevant ist, und können das auch begründen (etwa Ihrem Betreuer gegenüber). Verfallen Sie nicht in den Fehler, die Literaturrecherche den Inhalt Ihrer Arbeit bestimmen zu lassen. Die Aufgabe ist nicht darzustellen, was Sie alles gelesen haben, sondern die wissenschaftliche Beantwortung Ihrer Forschungsfrage. Schauen Sie sich selbst kritisch auf die Finger. Das unterschwellige Bestreben, gelesene Literatur in die Arbeit rein zu packen, obwohl sie nicht direkt zum Thema passt, führt häufig zu Exkursen. Bevor Sie die Zeit in das Schreiben eines Exkurses investieren, stellen Sie sich die folgenden Fragen:

 


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